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Uns wird allmählich klar, dass wir von der Demokratie enttäuscht sind

Es gehört inzwischen fast zum guten Ton politischer Debatten, der liberalen Demokratie einen zu großen Staat vorzuwerfen. Zu viele Regeln, zu viel Bürokratie, zu viele Eingriffe – so lautet die Diagnose. Sie ist eingängig, leicht zu erzählen und passt gut in eine Zeit, in der Komplexität zunehmend als Zumutung empfunden wird.

Und doch erklärt sie erstaunlich wenig von dem diffusen Unbehagen, das viele Menschen heute gegenüber demokratischen Institutionen empfinden.

Denn formal betrachtet funktioniert die liberale Demokratie weiterhin. Wahlen finden statt, Parlamente tagen, Gerichte urteilen, Medien berichten. Nichts deutet auf einen offenen Systembruch hin. Und dennoch hat sich etwas verschoben. Politik wirkt auf viele zugleich allgegenwärtig und fern, hoch emotionalisiert und merkwürdig folgenlos. Man beteiligt sich, diskutiert, empört sich – und bleibt doch mit dem Gefühl zurück, dass das Entscheidende anderswo geschieht.

Vielleicht liegt das Problem also nicht dort, wo man es gewöhnlich sucht.

Die stille Erosion eines Freiheitsbegriffs

In liberalen Demokratien war Freiheit nie als grenzenlose Selbstentfaltung gedacht. Sie war immer vermittelt, eingebettet in Rechte, Institutionen und Regeln, die sicherstellen sollten, dass Freiheit nicht zur Macht des Stärkeren wird. Der vielzitierte Satz, die Freiheit des Einzelnen ende dort, wo die Freiheit des Anderen beginne, war keine Einschränkung, sondern ihr Fundament.

Heute jedoch scheint sich der Freiheitsbegriff verschoben zu haben. Freiheit wird zunehmend als Abwesenheit von Begrenzung verstanden. Als etwas, das sich gerade dadurch verwirklicht, dass niemand festlegt, was gilt, was gilt und was nicht, was gesagt werden darf und was nicht.

Diese Vorstellung ist verführerisch. Sie verspricht Unmittelbarkeit, Authentizität, Selbstbestimmung. Doch sie übersieht, dass Freiheit ohne Vermittlung nicht neutral bleibt. Wo Regeln fehlen, entsteht kein freier Raum, sondern ein offener. Und offene Räume füllen sich selten gleichmäßig.

Wenn Freiheit nicht mehr schützt

Die liberale Demokratie lebt davon, dass Macht nicht nur verteilt, sondern auch übersetzt wird. Institutionen – Parlamente, Gerichte, Medien – hatten genau diese Aufgabe: Komplexität zu ordnen, Interessen zu filtern, Konflikte zu zivilisieren. Sie machten politische Prozesse langsam, manchmal schwerfällig, oft ungeduldig machend. Aber sie machten sie nachvollziehbar.

Wenn Freiheit nun vor allem als Schutz vor diesen Vermittlungsinstanzen verstanden wird, verändert sich die Logik. Nicht der Staat gewinnt an Einfluss, sondern jene, die ohnehin über Ressourcen verfügen: Aufmerksamkeit, Reichweite, Kapital, Organisationsmacht. Freiheit wird dann nicht abgeschafft, sondern umgedeutet – von einem Schutzprinzip zu einem Selektionsmechanismus.

Vielleicht erklärt das, warum demokratische Beteiligung sich für viele heute so merkwürdig hohl anfühlt. Man darf alles sagen, alles äußern, alles teilen – und merkt doch, dass nicht alles gleich viel zählt.

Das eigentliche Unbehagen

Das Unbehagen vieler Bürger richtet sich womöglich weniger gegen Demokratie als gegen eine Freiheit, die nicht mehr erklärt, vermittelt und begrenzt wird. Eine Freiheit, die sich selbst genügt und dabei vergisst, dass sie immer auch Verantwortung einschließt – gegenüber anderen, gegenüber Institutionen, gegenüber dem Gemeinwesen.

Liberale Demokratien scheitern daher womöglich nicht an einem Zuviel an Staat, sondern an einem Freiheitsverständnis, das seine eigenen Voraussetzungen untergräbt. Wo Freiheit nur noch als Abwehr verstanden wird, verliert sie ihre bindende Kraft.

Die eigentliche Frage ist dann nicht, wie viel Staat eine Demokratie verträgt. Sondern wie viel Vermittlung Freiheit braucht, um mehr zu sein als ein leeres Versprechen.